Notenblatt

Die Musikhandschriften der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg

106 Handschriften mit ca. 19.500 Blatt

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2016, ISBN 978-3-89131-526-2
Erwerb: EUR 5,832.– (exkl. Mwst.) / EUR 6.940,08 (inkl. Mwst.)
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600 Mikrofiches, 1997, ISBN 3-89131-240-7
Silber negativ: EUR 5.832,– (exkl. Mwst.) / EUR 6.940,08 (inkl. Mwst.)
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Katalog

Augsburg als Musikstadt

Schwerpunkte des kulturellen Lebens im mittelalterlichen Augsburg bildeten die 812 erstmals urkundlich erwähnte Domkirche mit Domschule und das Benediktinerstift St. Ulrich und Afra. Zu diesen beiden geistlichen Zentren trat – insbesondere seit der Erhebung zur Reichsstadt im Jahre 1276 – auch auf musikalischem Gebiet eine erstarkende Bürgerstadt in Konkurrenz.

Das 15. Jh. war für die aufstrebende Kaufmannsstadt eine Zeit reicher musikalischer Entwicklung. Dies bezeugen unter anderem das fürstliche Privileg, als erste Reichsstadt Trompeter halten zu dürfen, der rege Orgelbau in Augsburg, die erste verbürgte Meistersingerschule und das Institut der Augsburger Stadtpfeifer. Die bürgerliche Musikpflege im mittelalterlichen Augsburg verdankte ihr hohes Niveau nicht zuletzt dem Hause Fugger, das etliche angesehene Musiker nach Augsburg zog. Im 18. Jh. machte der Orgel- und Klavierbauer Stein Augsburg zur bedeutendsten Stadt des Klavierbaus seiner Zeit, Drucker und Verleger von Musikalien hatten sich bereits zuvor angesiedelt. Das Ende der Ära als Reichsstadt im Jahre 1806 und die Säkularisation bedeutete auch für die Musik in Augsburg eine schmerzhafte Zäsur. Neuen Aufschwung gewann die Musikpflege in Augsburg mit dem Wirken des Spohrschülers Hans Michael Schletterer, der 1858 als St. Anna-Kantor und ev. Kirchenmusikdirektor der Stadt berufen wurde.

Die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg

Die Augsburger Stadtbibliothek wurde im Jahre 1537 gegründet. Im Zuge der Reformation wurden viele Klöster aufgegeben, und so bildeten Teile der Büchersammlungen der aufgehobenen Bettelordensmännerklöster der Karmeliter, Dominikaner und Franziskaner den Grundbestand der neuen Bibliothek. Stadtbibliothekar war der Rektor des 1531 gegründeten Gymnasiums bei St. Anna.

In den ersten Jahren ihres Bestehens hatte die Bibliothek einen Erwerbungsetat von 50 Gulden jährlich. 1545 wurden in Venedig 100 griechische Handschriften erworben, die fortan die Bibliothek berühmt machten. Auch zwei Predigerbibliotheken mit reformatorischem Schrifttum wurden angekauft. Unter ihren gelehrten Leitern – z. B. Hieronymus Wolf und danach Georg Henisch – wurde die Bibliothek im 16. Jh. zu einer Forschungseinrichtung von Rang ausgebaut. Sie galt nach der Wegführung der Bibliotheca Palatina von Heidelberg nach Rom als die bedeutendste protestantische Bibliothek Deutschlands.

Bis 1618 wurden weitere beträchtliche Ausgaben für den Ausbau der Bibliothek getätigt, auch vermachte ihr der 1614 verstorbene Geschichtsschreiber und Augsburger Stadtpfleger Marcus Welser seine 2.266 Bände umfassende Bibliothek. Während des 30jährigen Krieges ging die zuvor so intensiv betriebene Förderung der Bibliothek merklich zurück. Nur langsam gewann sie später einen Teil ihrer früheren Reputation sowie finanzielle und organisatorische Stabilität zurück. Dazu trug auch die 1677 erstmals durch Ratsdekret erfolgte Aufforderung an die Augsburger Drucker und Verleger bei, ein Exemplar von jedem Buch an die Bibliothek abzuliefern.

Im 18. Jh. bereicherte vor allem die mehr als 2.000 Bände umfassende Sammlung des Arztes und Präsidenten der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, Lukas Schröck (1646–1730), die Bestände der Bibliothek. Sie umfaßten um 1790 mehr als 20.000 Titel.

Einen gravierenden Einschnitt in der Entwicklung der 1806 die Reichsstadt Augsburg ihre Selbständigkeit verloren hatte und in den bayerischen Staat eingegliedert worden war, mußte die Stadtbibliothek besonders wertvolle Handschriften (wie die erwähnten griechischen), Inkunabeln und Frühdrucke an die Münchener Hofbibliothek abgeben. Allerdings stand diesen Verlusten ein großer Gewinn an Säkularisationsgut gegenüber.

Nach 1806 erhielt die Bibliothek Bücher aus folgenden kirchlichen Bibliotheken: aus der Benediktinerreichsabtei St. Ulrich und Afra fast 10.000 Bände, darunter auch zahlreiche Musikalien; aus den Augustinerchorherrenstiften St. Georg und Heilig Kreuz, dem Dominikanerkloster, dem Kloster der Franziskanerobservanten, dem der Kapuziner und aus dem Kollegiatstift St. Moritz – alle in Augsburg.Gleichzeitig wurden die noch rund 10.000 Bände umfassende Bibliothek des Augsburger Jesuitenkollegs St. Salvator und die des Evangelischen Kollegs in die Stadtbibliothek eingegliedert. Nachdem in den Jahren 1817–35 noch Bestände aus der Eichstätter Hofbibliothek und aus kirchlichen Bibliotheken in Rebdorf, Irsee, Roggenburg, Ottobeuren, Ursberg, Kempten und Mindelheim in die Augsburger Bibliothek gelangt waren, umfaßte der Bestand über 100.000 Bände.

Heute besitzt die Staats- und Stadtbibliothek 3.636 Handschriften, 16.247 graphische Blätter und etwa 430.000 Drucke, darunter 2.793 Inkunabeln und 27.790 Drucke des 16. Jhs.

Die Musikhandschriften

Die 106 Musikhandschriften der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg stammen aus dem 13. bis 20. Jh. Zeitliche Schwerpunkte bilden das späte 15. und frühe 16. Jh. mit 16 Handschriften sowie vor allem die Zeit von 1550 bis zum Beginn des 30jährigen Krieges mit 42 Handschriften. Insgesamt 82 der Musikhandschriften dieses Bestandes entstanden vor 1806, und von ihnen stammen 38 aus der Benediktinerreichsabtei St. Ulrich und Afra.

Die im späten 15. Jh. in St. Ulrich und Afra geschriebenen Musikhandschriften stehen im Zusammenhang mit der Einführung der Melker Reform, die eine Neufassung der liturgischen Texte und Gesänge notwendig machte. St. Ulrich und Afra unterhielt ein für den Eigenbedarf arbeitendes Skriptorium, dessen bedeutendstes Mitglied der Kalligraph Leonhard Wagner war. Den Höhepunkt der Musikpflege in St. Ulrich und Afra bildete die Zeit von der Mitte des 16. bis zum Beginn des 17. Jhs. Zwar begann der Druck in dieser Zeit die Handschrift zu verdrängen, doch wurde diese damit als Quelle keineswegs uninteressant – nicht selten ist im Falle der Chorbücher aus St. Ulrich die Handschrift die primäre Quelle.

Bis 1630 findet also die Musikgeschichte Augsburgs in den Handschriften von St. Ulrich und Afra ihren Niederschlag. Spätere Musikalien gelangten offenbar nicht in die Klosterbibliothek. Somit haben die bis heute überlieferten Handschriften zwar nur einen begrenzten Aussagewert für die Musikgeschichte der Stadt, als Einzelkomposition kommt ihnen aber dennoch Bedeutung zu.

Die Sammlung der Musikhandschriften der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg gliedert sich in vier große Signaturgruppen: Die Handschriften mit der Signatur »Cod.« sind Teil des allgemeinen Handschriftenbestands. Es handelt sich meist um mittelalterliche oder frühneuzeitliche Niederschriften, bevorzugt liturgische Kompositionen. Die Handschriften mit der Signatur »Tonk. Schletterer« sind sämtlich nachmittelalterliche Niederschriften, vor allem aus den Jahren 1560–1620. Ihre Gegenstände sind die Figuralmusik der zeitgenössischen Komponisten, Liturgica für das Chorgebet der Benediktiner, Motetten und Meßordinarien. Die Signatur »Cod. mus.« bezeichnet Schenkungen, Ankäufe und Nachlässe des 19. Jhs. sowie Erwerbungen der letzten Jahrzehnte. Die Signaturgruppe »Fasc.« stellt eine Mischung von gedruckten und handschriftlichen Musikalien aus dem 18. und 19. Jh. dar.

Einige Glanzlichter der Sammlung

Die Musikhandschriften der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg des 19. und 20. Jhs. enthalten überwiegend Werke lokaler Komponisten. So besitzt die Bibliothek 5 Handschriften mit Kompositionen des Augsburger Domkapellmeisters Franz (Gregor) Bühler (4° Cod. mus. 12, 13, 14, 15 u. 23 ), dessen Messen und Oratorien im 19. Jh. in Süddeutschland und Österreich sehr beliebt waren. Einige Mandora- oder Lautentabulaturen zeugen von der bürgerlichen Musikpflege des 18. Jhs. (Tonk. Schl. 290 und Tonk. Schl. 509), während eine bekannte Handschrift mit Lautenmusik (Tonk. Fasc. III) Kammermusik verzeichnet, die am Bayreuther Hof gespielt wurde. Obwohl den neueren Titeln eine gewisse Bedeutung als Zeugnisse der Musikpflege ihrer Zeit nicht abzusprechen ist, finden sich die wirklich wertvollen Stücke vor allem unter denen

Hier ist auf ein von Leonhard Wagner 1495 geschriebenes, in der Werkstatt von Georg Beck reich illuminiertes Psalterium (2° Cod. 49a) und ein wahrscheinlich ebenfalls von Wagner geschriebenes, illuminiertes Graduale aus der Zeit um 1500 (2° Cod. 248) hinzuweisen. Besonders prächtig ausgestattet ist eine von Andreas Maierhofer geschriebene Handschrift von 1568 mit Magnificat-Kompositionen des Niederländers Orlando di Lasso (Tonk. Schl. 13), mit der die intensive Lasso-Pflege in St. Ulrich und Afra einsetzte. Auch Kompositionen aus dem Münchner Schülerkreis Lassos finden sich in den Augsburger Handschriften. Leonhard Lechner (Tonk. Schl. 20), Jakob Reiner (Tonk. Schl. 4) und Johann Eccard (Tonk. Schl. 6) seien hier genannt. Eine ganz besondere musikhistorische Kostbarkeit ist die Handschrift 2° Cod. 142a aus den Jahren 1505–14. Sie ist ein Beispiel für die bürgerliche Musikpflege in Augsburg mit Motetten, Chansons und Liedern. Als Autoren der Stücke wurden Fulda, Finck, Josquin, Senfl und Alexander Agricola nachgewiesen.

Aus reichsstädtischem Besitz stammen zwei Handschriften mit Renaissance Motetten überwiegend niederländischer Komponisten, die in den Jahren 1570/71 bzw. 1593 geschrieben wurden (Tonk. Schl. 273–278 und Tonk. Schl. 298–301). Musikgeschichtlich bedeutend ist eine 1616 geschriebene Partitur-Handschrift mit Canzonen und Motetten von Asprilio Pacelli, Giovanni und Andrea Gabrieli (Tonk. Schl. 39). Einen Querschnitt durch die katholische Kirchenmusik Augsburgs bis zum 30jährigen Krieg stellt ein Chorbuch des Ersten Schreibers Johannes Dreher von St. Ulrich und Afra aus dem Jahr 1610 dar (Tonk. Schl. 4). Hier finden sich nicht nur sämtliche internationale Größen wie Clemens non papa, Hollander, Lasso und Palestrina, sondern auch fast vollständig die Vertreter der Augsburger Musikwelt wie Aichinger, Erbach und Klingenstein.

Musikgeschichtlich interessant sind auch die Fragmente einer Handschrift aus der Zeit um 1500 mit Nachdichtungen französisch-burgundischer Chansons und Motetten von Komponisten der Ockeghem-Generation, die sich als Einbandmakulatur in einem Mindelheimer Bruderschaftsbuch von 1610 (4° Cod. mus. 25) fanden. Als abschließendes Beispiel besonders hervorzuhebender Stücke sei auf das Sequentiar 8° Cod. 61 von 1561–62 hingewiesen. Es stellt insofern eine Besonderheit dar, als es über 100 Sequenzen verzeichnet, die bis auf vier durch die Reformen des Tridentischen Konzils ausgeschlossen wurden. Es sollte somit wohl im wesentlichen dazu dienen, diese Sequenzen der Nachwelt zu erhalten.

Ob als Zeugnis der Musikpflege in Augsburg bis 1630 oder, vor allem bei späteren Werken, aufgrund der Bedeutung als Einzelkomposition – für die Musikwissenschaft und historisch orientierte Musikpflege sind die Musikhandschriften der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg auch heute noch außerordentlich wichtig. Die Gründe, warum Theoretiker und Praktiker immer wieder auf sie zugreifen, sind vielfältig: zur Ergänzung von Urteilen, als Vergleich, als Beweisstücke für wissenschaftliche Analysen oder zur Wiederbelebung durch Aufführungen oder Neupublikation.

Mit dieser Edition wird der Zugriff auf diesen bis heute rege nachgefragten Bestand von Musikhandschriften für Wissenschaft und Musikpflege erheblich erleichtert.